Ändern leben

 Es gibt viele Menschen, die ihr Leben ändern wollen. Aber tun tun sie nichts.
Sie machen sich zwar Gedanken, lesen Bücher, bequatschen und belasten ihre Beziehungen, besuchen Jahr für Jahr Seminare, Kurse und Workshops - alles in der Hoffnung auf die glückliche, alles verändernde Veränderung, die aber immer noch nicht eingetroffen ist und auf die sogar noch weit nach der Lebensmitte ununterbrochen weiter gewartet wird.


Da gibt es kurze Wechsel der äußeren Umstände, die Namen der Beteiligten mögen variieren und das neue Urlaubsziel oder die geänderte Speisekarte beim Italiener bringen auch ein wenig Farbe ins Spiel.

Aber die nagende Unzufriedenheit und das tägliche Suchen nach hier ein bisschen Input, dort ein wenig Erfolg, der dringend notwendigen Abwechslung und vor allem immer wieder nach der Bestätigung der eigenen Gedankenwelt und Befindlichkeit, das alles wiederholt und wiederholt sich.


Trotz dieser Normalität und Konformität gibt es ein kleines, geheimnisvolles Flämmchen, das mit schwachem aber stetigem Züngeln die Aufmerksamen unter uns ermahnt, dass die Sache trotz allem und immer wieder grob falsch läuft, wir unterm Strich nicht wirklich weiter kommen, die ganz großen Träume schon lange versandet sind und wir Chancen verpassen, weil wir gar keine Zeit mehr haben, nach ihnen Ausschau zu halten.


Was bleibt ist: die Hoffnung, dass eines fernen Tages einfach die Erleuchtung passiert, das Ziel erreicht und endlich alles anders (=besser) ist.
Und das passiert nicht. Definitiv nicht und schon gar nicht von alleine. Sterbebegleiter wissen das.


Da erzählt man sich lieber von morgens bis abends immer dieselben Ausreden, warum dieses nicht möglich und jenes gerade nicht umsetzbar ist, bis das Leben auf einmal, nämlich jetzt (es wird immer in einem 'jetzt' sein) vorbei ist. "Heute bin ich zu müde, in meinem Alter nicht mehr, ich werde eine bessere Möglichkeit abwarten, das mache ich lieber, wenn ich mal mehr Zeit habe, das kann ich erst, wenn..., das ist doch nur Träumerei, das ist nichts für mich, nur für andere, ...." Das Traurige an diesem Witz ist, man glaubt sich selbst diese inneren Monologe, deren stupide Wiederholungen gar
nicht als solche auffallen, oder wartet auf einen Arschtritt, den einen niemand gibt.


Der Arschtritt wartet ebenfalls, nämlich darauf, dass du ihn dir selber gibst: Keiner kann sein Leben ändern, bevor er nicht damit beginnt, sein eigenes Ändern tatsächlich zu leben. D.h. heute und alle folgenden Tage aktiv, also handelnd, sich auf Neues und damit Unbekanntes einzulassen und aus dieser Haltung eine tägliche und überlebensfähige Praxis zu entwickeln, die nicht träumt, denkt, hofft, wartet und hier und da mal was ausprobiert, sondern die tut. Jetzt, immer wieder neu, immer heute,
mit Mut und Risikobereitschaft und ohne Rücksicht auf Verluste.


Eine einfache Frage lädt zur Selbstreflektion und kann vielleicht verdeutlichen, um was es dabei geht:
Haben Sie diesen Tag heute 'verbracht' wie andere Tage auch oder haben Sie mit
unmißverständlicher Klarheit den 'Schritt gewagt, die Sache beendet, die Schnur gezündet, es endlich ausgesprochen, es diesmal ganz anders gemacht, zum ersten mal dieses oder jenes..., eine weitreichende Entscheidung getroffen, das bisher Verrückteste in ihrem Leben gemacht', ... usw.?


Solche Dinge markieren in manchen Biographien Meilensteine, die sich gelegentlich, endlich oder zufällig ergeben. Für jemand, der sein Ändern leben als Lebenshaltung und ein an der Basis wirkendes Prinzip verankert hat, sind sie eine sprudelnde Quelle an Kreativität und Lebensfreude, Wachstum und Entdeckertum, kindliche und wahrhaftige Lebensphilosophie aber vor allem: Es vergeht kein Tag ohne!


Damit wird Leben in purer Reinheit sinnvoll. Nicht in der Idealisierung oder als ein weiteres Konzept für eine neue Selbstverwirklichungsstrategie, sondern 'in der Tat' (wortwörtlich gemeint) und in Echt!
Es wird wandelbar, formt sich und mich in nie gekannter Stärke und entfaltet endlich das volle Potential der in ihm und in mir wohnenden Schöpferkraft.


Sein Ändern zu leben ist eine tägliche Herausforderung und wachsende Verantwortung, der sich die wenigsten stellen. Denn es ist verdammt schwer. U.a. bedeutet es, permanent über den eigenen Schatten zu springen, sich immer wieder der eigenen Bequemheit, dem tief verwurzelten Sicherheitsdenken und den persönlich schlimmsten Ängsten neu zu stellen und an die Grenzen aller Kräfte zu gehen. Erst hinter diesen Grenzen existiert das wirklich Neue. Auf dem Weg dort hin gibt es
Rückschläge, Irrtümer, Verluste genauso wie die erhabensten Glücksmomente, wundervolle, mysteriöse Zufälle, Glanzleistungen und eine Fülle an Inspiration und echter Veränderung.


Ist es das alles wert?


Ja ist es. Es ist eine riesige Überraschung und ein großes, sehr persönliches Wunder zu entdecken und zu leben, was an Fähigkeiten und Potentialen tatsächlich in uns schlummert, welche Perspektiven sich öffnen, wie komplett anders und viel besser Dinge sich entwickeln, was für eine riesige Kraft und Stärke gelebtes, dem Leben geschenktes, Vertrauen ist.
Für mich war es ein überwältigender Moment, als ich noch etwas zittrig von dem Hürdenlauf durch bewegte Zeiten und voller Staunen laut aussprach: "Wo ich heute stehe und was ich erreicht habe, hätte ich mir vor ein paar Jahren nie im Leben träumen lassen – wie geil ist das denn!!


Heute weiß ich, das sich diese besonderen Momente wiederholen, ohne ihre Intensität dabei zu verlieren. Wenn man nur weitergeht und nicht mehr stehen bleibt! Aktiv bleibt. Ändern weiter lebt. Spricht hier der Größenwahn? Nein, denn neben Erfahrungen, Fähig- und Möglichkeiten, ist es vor allem die Demut vor einer solch fundamentalen Lebenskraft, die immer größer wird. Als würde dieses
Leben einfach die Zügel in die Hand nehmen und voller Spaß und Übermut losgaloppieren in eine fabelhafte, neue Welt, die dann auch noch Realität wird, wenn ich mich ihm nur voll und ganz verpflichte. Der Ebbe genauso wie der Flut.


Von den Sterbebetten dieser Welt hat man die Kunde schon vernommen: Am Ende wird nicht bereut, was man getan hat, sondern was man nicht getan hat.
Da wird meist zustimmend genickt und hier da mit ein wenig Wehmut reagiert und dann werden wieder die Emails gecheckt.
Warum man noch etwas anderes im Leben zu tun hat als dieses wahrhaftige Vermächtnis von Menschen, die uns den wichtigsten Schritt voraus waren und den Tod als Realität begriffen haben, in Ehren aufzugreifen - um das Leben und Sterben dieser Menschen zu ehren, genauso wie das eigene - ist mir ein Rätsel.


Ändern leben bedeutet den Stein ins Rollen zu bringen. Nicht irgendeinen sondern den einzigen, auf den es wirklich ankommt.



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