Das Neue

 Ein frohes neues Jahr. - Dieser so oft gebrauchte Gruß variiert in seiner Formulierung, aber meint natürlich immer dasselbe. Manchmal wünschen wir uns ein gutes Neues oder ein glückliches, auf alle Fälle neu. Das Neue hat eine schöne klare Energie. Es ist noch jung und unberührt wie eine frischgefallene Schneedecke. Es funkelt im Licht der Vorfreude und macht neu-gierig.

 

Nach den Feiertagen und der Gewöhnung an die neue Jahreszahl beginnt das neue Jahr erstaunlich schnell zu altern. Schon jetzt oder spätestens nach Heilige Drei Könige finden wir uns im vertrauten Fahrwasser wieder. Ist es nicht unnatürlich, dass ein Jahr mit einer Lebenserwartung von 365 Tagen so schnell nach der Geburt altert?

 

Davon unbeeindruckt schwappt die Neu-Gier in ihren eigenen Zyklen an die Oberfläche. Sie ist wie ein Hintergrundgeräusch, das sich etabliert und gelegentlich ins Bewusstsein rutscht. Dann zwickt sie plötzlich, diese Gier nach Neuem mit ihrem Versprechen von frischer, unverbrauchter Energie, die in etwas Frohes, Gutes oder Glückliches führen soll. Das wird auch in diesem Jahr wieder so sein.

 

Dann sollen sich Lebensumstände ändern oder eine bestimmte Anschaffung wird wichtig. Das kann ein neuer Computer sein, das neue Handy, vielleicht doch ein neues Auto im neuen Jahr, endlich ein neuer Job..., eine neue Wohnung, Ausbildung, Beziehung ... was auch immer, auf alle Fälle neu. Und wenn wir das Neue besitzen oder endlich erreicht haben, fällt wieder nicht auf, wie unnatürlich schnell es altert und zum Alten wird. Da ist etwas faul an diesen Kreisläufen.

 

Denn es ist nicht wirklich neu, was altert. Neu ist nur was nachhaltig verändert und in noch nie Dagewesenes hineinführt. Das echte Neue gebiert Neues, weil es kann gar nicht anders kann. Wo es geboren wird, webt es sich in Bisheriges hinein und färbt Wahrnehmung und Erfahrung neu. Es verändert Blick, Persönlichkeit und gewohnte Strukturen in etwas, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, sondern tiefer ins Unbekannte - weil Neue - hineinführt.

 

Wenn das passiert, begegnen wir nicht nur der von der Hintergrundmonotonie zum Leben erwachten Neugier, die auf einmal wild an der Leine zerrt, sondern auch dem was wir mit den Wünschen nach Gutem, Frohen und Glücklichem vermeiden wollen: Angst und Unsicherheit. Das Neue ist fremd, ungewiss und unerforscht. Damit fühlt es sich für das Alte äußerst bedrohlich und risikoreich an. An dieser Stelle ist es sehr verführerisch umzukehren und sich im Vertrauten und Bekannten – dem Nicht-Neuen -  zu verstecken, um dort ungestört und sicher weiter zu altern.

 

Das Neue ist also nichts für Feiglinge. Was wir tatsächlich brauchen, um in echtes Neues und in neue schöpferische Kreisläufe einzusteigen, sind nicht nur eine besondere Liebe und Aufmerksamkeit für den Geburtsvorgang des Neuen, sondern vor allem Mut und Entschiedenheit, neue Wege auch wirklich zu beschreiten und für die eigene Veränderung in Unbekanntes hinein bereit zu sein.

 

In diesem Sinne wünsch ich ein mutiges neues Jahr!

 

 

 "Eine der Illusionen besteht darin zu glauben, die gegenwärtige Stunde wäre nicht die kritische, entscheidende  Stunde. Schreib es in dein Herz, dass jeder Tag der beste Tag des Jahres ist. Kein Mensch hat etwas richtig gelernt, ehe er weiß, dass jeder Tag der Jüngste Tag ist."

                                                                                                        (Ralph Waldo Emerson)

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Isabella (Dienstag, 06 Januar 2015 17:32)

    Liebe Antje,

    danke für diese klugen, neuen(!) Gedanken, also, auf in diesen heutigen Tag, den besten Tag des Jahres, und morgen....
    Liebe Grüße
    Isabella