Freilassen

 Ich bin spät dran und ärgere mich, daß ich trotz meines peniblen Zeitmanagements dem Tagesprogramm wieder hinterher hinke. Ich hetze mit meinem Fahrrad über die zugige Brücke und würde viel lieber an einem warmen gemütlichen Ort eine Tasse Tee und ein wenig Nichtstun tanken.

Im Vorbeifahren fällt mein Blick auf die zahlreichen Schlösser, die starr aneinandergereiht an das Brückengitter gekettet sind und ich ärgere mich auch über sie - wie sie sich mit ihrer aggressiven Behauptung, sie könnten Liebe lebenslang sichern, jedem Passanten entgegendrängeln, ob er will oder nicht! Mich erinnert ihr Anblick eher an Gefangenschaft und verriegelte Endgültigkeit und es wird eng in meiner Brust. Diese kantigen, verschlossenen Symbole menschlicher Liebesbeziehungen drücken ein zusätzliches Gewicht auf meine trübe Stimmung, die fröstelig ist wie das Wetter an diesem nasskalten Novembertag.

 

Ich schaue wieder auf den Weg vor mir und sehe wie mein Reifen über Planken rollt, die dick mit Taubenscheiße bekleckst sind. Auch an den Gittern entdecke ich die klebrigen Spuren davon, was die Vögel zu diesem Szenario beizutragen haben.

Aber als mir darin auf einmal eine Antwort auf meine Gedankengänge entgegenblinkt, kann ich nicht anders als befreit aufzulachen: Ich begreife schlagartig, dass ich mich mit der menschlichen Sucht, festzuhalten was nicht festzuhalten ist, genauso wenig beschäftigen und Meinungen dazu haben muss wie ein freier Vogel, der fliegen (und scheißen) kann, wohin er will. Wie leicht alles wird, wenn ich es fallen lassen kann!

 

Ich fahre runter von der Brücke, behalte mein Lächeln im Gesicht, weil es mir gerade so gut gefällt und genieße in tiefen Atemzügen, was sich wie eine wiedergefundene Freiheit oder die Befreiung von einer Last anfühlt.


Welche Veränderung, die ein reingewaschener Blick in einen kurzen Lebensmoment zaubert: In dem, was ich eben noch als grau und fröstelig wahrgenommen hatte, spüre ich jetzt angenehme Kühle, neu und einzigartig, die mich erfrischt und mir Auftrieb gibt. Ich bin frei. Ich bin sogar so frei, zu entscheiden, meine Liebe frei zu lassen.

 

 

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