Erlauben

 Was ich erlauben kann, kann ich beruhigt geschehen lassen. Das Erlauben empfinde ich kräftiger und aktiver als das bloße Ja-sagen und das heilungssuchende Annehmen. Echte Erlaubnis beginnt mit dem Ja zu dem, was gerade ist. In ihr findet die Annahme sofort ihren Ausdruck und gleichzeitig lässt sie frei. In dieser Form von Bedingungslosigkeit gebe ich alle sich einmischende Verantwortung ab und bleibe still.

 

Irgendwann führt mich dieses bewusste und aktive Erlauben in ein Gegenüber zu den mehr oder weniger geliebten Bildern, die ich von mir selbst habe. Was ich da sehe – kann ich es erlauben? Alles?

 

Hier wird es oft kritisch.

Es ist sehr wichtig, nicht mit den Bildern zu verschmelzen, sondern als das erlaubende Moment zu verweilen, komme was wolle.

 

Die meisten Bilder kenne ich und meine Reaktionen und Urteile dazu sind fest mit ihnen verbunden. Über diese Verbindung verschmelze ich meist automatisch mit dem Bild, das ich für einen Teil meiner Identität halte. Bei so einer Verschmelzung wird Energie in Form von Aufmerksamkeit vom ursprünglichen Erlauben abgezogen und fließt in die Identifikation mit dem Bild. So wird aus befreiender Erlaubnis schnell und unbewusst eine gewohnte oder erneuerte Beurteilung. Und die Erlaubnis verrutscht zu dem Versuch, diese Beurteilung abzumildern. Statt befreiend zu erlauben, finde ich mich dann eher damit ab, dass es halt so ist wie es ist.

 

Und dann war's das mal wieder. Das ganze Projekt von Selbstliebe, Akzeptanz und Erlauben ist in einer Millionstel Sekunde, komplett unbewusst und in bester Absicht – gescheitert. Irgendwie sinkt alles zurück in gewohnte und vertraute Gedankenmuster und der Blick richtet sich wieder nach außen, auf das angeblich wirkliche Leben und seine alltägliche Unabänderlichkeit. Die hoffnungsfrohe Inspiration der echten und vollständigen Erlaubnis verhallt, bevor der Frieden hat stattfinden können.

 

Dieser kritische Punkt ist die größte Herausforderung beim Erlauben. Ihm seine zerstörerische Wirkung zu entziehen geht nur durch Bewusstheit. Ich muss ihn bemerken und kennen lernen. Vielleicht sogar erlauben.

 

Wie bei jeder Bewusstseinsschulung reicht es nicht, eine Erlaubnis zu denken oder auszusprechen. Sie muss mit dem ganzen Geist und Körper gegeben werden. Erlauben ist eine Fähigkeit, die durch Erlernen und Praktizieren zur Lebenskunst wird. Dann dehnt sie sich aus.

 

Und dann entdecke ich: Freiheit ist erst erreicht, wenn ich alles erlauben kann.

 

Es reicht nicht, hier und dort etwas Fragwürdiges, Kritisches oder all das Schöne oder sogar etwas von dem Furchterregenden zu erlauben. Erlauben kann sich nicht entfalten, wenn ich es auf etwas Bestimmtes beschränke, denn dann trenne ich meine Wirklichkeit in zwei Bereiche: in den Bereich des Erlaubten und in den des Un- oder Noch-nicht-erlaubten. Erlauben wird dann zu einem Gnadenakt oder einer Auswahl, die auf der anderen Seite noch Rangordnung und Ablehnung wahrnimmt. Dadurch verengt sich das in die Freiheit führende Erlauben und ist sofort unterbrochen.

 

Wenn ich alles erlauben kann, bin ich frei. Freiheit und vollständige Erlaubnis sind dann eins.

 

 

 

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