Seitenwechsel

 Wenn ich über etwas lachen kann, über einen Witz oder eine lustige Situation, vielleicht mit einem anderen Menschen gemeinsam, dann entspannt sich etwas in meinem Körper. Ich fühle mich leichter, durchlässiger, so als hätte ich mehr Spiel- und Freiraum als zuvor.

 

Manchmal findet durch das Lachen eine wortfreie Verständigung statt, manchmal versöhnt es mich mit einem Moment, der gerade dabei war, sich weniger gut anzufühlen.

Es bringt mich in die Gegenwart.

Die Ehrfurcht vor dem Leiden verbietet oft das Witzemachen übers Sterben. Wie das Wort schon sagt, handelt es sich um eine Furcht: Die Angst davor, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu konfrontieren und ein Tabu zu berühren. Es sind die Schmerzpunkte, die zurück zucken und "lieber nicht" rufen. Schmerzpunkte aus langen Generationenlinien, anerzogene, kollektive und individuelle Neins, die eigenen Erfahrungen entstammen.

 

Doch der Humor ist ein lebenslustiges Wässerchen, das die festen Schranken der Tabus umspült und sich seinen Weg bahnt in das viel breitere Feld der unpersönlichen Stammtischwitze. In der oberflächlichen Erzähl-mal-einen-Witz-Kategorie treffen sich verschiedene Tabuthemen wieder und das Sterben findet sich sogar auf Platz 1: Der von dem britischen Psychologieprofessor Richard Wiseman in seinem Lachlabor zum angeblich witzigsten Witz der Welt gekührte Witz handelt von einem Tod.

 

Humor und Sterben stehen nie in einem Widerspruch. Es ist immer, das, was im Körper-Seele-Geist-Organismus als Schmerzpunkt und Enge (= Angst) empfunden wird, was mit dem Humor nicht zusammen kommt.

 

Wenn ein Mensch am Lebensende sehr mit sich im Frieden ist, also keine Angst und wenig Schmerzpunkte in ihm aktiv sind, kann es sein, dass er der Situation des Sterbens mit weit mehr Gelassenheit begegnet als manch geschockter und erschreckter Angehöriger.

 

 

Der alte Meister war schwer erkrankt. Er musste das Bett hüten und seine Schüler machten sich große Sorgen, dass er bald sterben würde. Mit gramvollen und totenbleichen Gesichtern standen sie um sein Bett herum. Doch der Meister war bester Laune und hoch vergnügt. Da fragte ihn einer der Schüler: "Herr, wie schaffst du es, im Angesicht des Todes so gelassen zu sein?" Der Meister lächelte breit. "Das kann ich Euch sagen: Wenn der Tod hier wirklich vorbei kommen sollte, dann liegen die Chancen sehr gut, dass er versehentlich einen von Euch statt mich mitnimmt – so wie Ihr Euch benehmt!"

 

 

Wenn ich mitlachen darf, weil Angst und Schrecken zur Seite treten und Humor blinkt oder leuchtet, dann erlebe ich eine Öffnung, die es mir ermöglicht, die Seite zu wechseln, wenn ich das möchte - vom Leiden zum Lachen oder vom Weg- zum Hinschauen, vom Nein zum Ja sagen, vom Festhalten zum Loslassen...

 

Und was ist Sterben letztlich anderes als ein Seitenwechsel? - von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit.

 

 

 

 

 

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