Stille

 Bevor es still werden kann, muss es bereits ein winzig kleines bisschen still sein. Mindestens soviel wie in zwei oder drei Atemzüge passt.

 

Denn soviel stille Aufmerksamkeit brauche ich, um mich selbst zu fragen, ob ich bereit bin für Stille.

Danach folgt meist ein Zerren: Ein echtes Bedürfnis ruft laut 'Ja', die dauernd angefüllte Zeit meint 'Nein, nicht jetzt – später vielleicht'. Dieses Später kommt nie und wenn ich die Zeit nicht selbst ent-fülle, rutscht ihr immerwährender Inhalt von alleine nach.

 

Ich entscheide mich also für die Stille und begebe mich auf den Weg, der zu ihr führt. Das Schöne daran ist, ich kann jederzeit und von überall aus starten. Ich weiß allerdings nie, wie direkt oder wie verschlungen dieser Weg verlaufen wird, auch nicht, ob ich mein Ziel erreiche.

 

Wenn ich dann schweigend unbeweglich sitze und es still wird, dann ist es nicht still. Die Mischung aus körperlicher Unruhe, Emotionen aus dem Tagesgeschehen und dem endlosen Geflirre der Gedanken kann sich sehr laut anfühlen.

Durch das Laute rutsche ich auf meinem Weg ab und falle in überall lauernde Gedankenschluchten. Während die Stille wartet, bis mir das bewusst wird. Auch dort, wo ich mit etwas nicht einverstanden bin, kalte Füße, ein nerviges Geräusch oder Gesprochenes und Gehändeltes von vorher, finde ich mich auf dem Irrweg wieder. Manchmal taucht ein Verlangen oder ein drängendes Bedürfnis nach Bewegung auf. Oder es kommt eine Idee, was ich nachher noch tun oder in einem nächsten Gespräch sagen könnte. Stille ist so geduldig und wartet einfach weiter. Bis ich mich erinnere.

 

Dann wird es still. Und dieses Stillwerden fühlt sich an wie Weitwerden. Der innere Lärm ist noch da, aber er ist schwächer. Weil diese Weite aufgetaucht ist und ihn um-fängt oder ent-hält. Alles, was ich wahrnehme bekommt eine unterschiedslose Bedeutung, alles wird gleich wichtig oder unwichtig. Ein Jucken im Körper hat keine andere Bedeutung als der Klang eines vorbeifahrenden Autos oder ein Gedanke an eine bestimmte Situation. Es sind nur Formen, die verschieden modelliert sind.

 

Jetzt steigt ein Bild auf, es ist immer dasselbe: Ein riesiges, uraltes Tier sitzt in seinem schlammigen Loch und döst durch die Jahrhunderte. Dann kommt ein Moment: Ganz langsam öffnet es ein schweres, faltiges Augenlid. Das Licht, das auf das klare Auge trifft, scheint wie ein Strahl aus Ewigkeit. Und das Lid schliesst sich wieder, das Tier schnauft und schläft seinen Schlaf weiter.

 

Das Bild löst sich und es ist still. Tief und ruhig atmet es Leben in meinen Körper. Es ist endlose Weite, es sind einige Formen und es ist ein Frieden, so tief und unzerstörbar.

Dieses ‚mein Körper’ ist auch eine der Formen und von hier aus erscheint es natürlich und richtig, dass in diese Form ein Atem fliesst, so lange bis an einem Punkt des Fortlaufs es wieder aufhört und sich wandelt.

 

Ich verstehe das immer wieder neu und erst, wenn es still wird.

 

Aber je öfter ich an diesem Punkt bin, desto deutlicher spüre ich von dort eine feine Ader voll von tragender Kraft in mein geschäftiges Alltagsleben wachsen.

 

Auf dem Rückweg bin ich schneller als eine Sekunde. Bekanntes und Vertrautes strömt wieder in mich ein: Der Anrufbeantworter blinkt, meine Katze will ihr Fressen und die Arbeit wartet. Was nachhallt ist die gleiche (Un)Wichtigkeit, das Nur-Form-sein. Es fühlt sich leicht an und ich spüre Freude über all diese Sachen, die da sind und ich frage mich, warum ich deren Schönheit sonst nicht sehe. Der Frieden grüßt aus diesem Gefühl. Alles ist wie es war, doch hier und da glimmt es auf: neu und frisch.

 

Und jetzt weiß ich wieder, warum es so wichtig und unschätzbar wertvoll ist, dass es still wird.

 

Und ich weiß, bevor es still werden kann, muss es bereits ein winzig kleines bisschen still sein. Mindestens soviel wie in zwei oder drei Atemzüge passt.

 

 

 

 

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