Warum ich immer weitergehe

In mir da ist so ein Drang.

  Irgendwann ist er aufgetaucht und er wurde immer stärker, ein sich ausbreitender Drang. Er hat zu mir gesprochen. Nicht in Worten, aber in Gefühlen. Worte würden vielleicht so klingen: "Ich will diese Welt durchdringen, ich möchte dieses Sein, dieses Leben, erfassen, wirklich und allumfassend erfassen! Ich möchte dahinter schauen können. Ich möchte mich erheben!"

 

Dieser Drang ist sehr mächtig. Und wenn ich zurückblicke, ist er eigentlich schon immer da gewesen, auch wenn ich ihn oft nicht wahrgenommen habe. Manchmal ist er stärker und manchmal weiß ich nicht wo er sich gerade verloren hat. Aber er ist immer da und er kommt immer wieder. Und deshalb gehe ich immer weiter.

 

Ich habe versucht, ihm mehr Platz zu schaffen, mehr Raum zu geben, ihm auch immer mehr zu folgen. Ich will diese mächtige Stimme hören und herausfinden, wohin sie mich führen will. Ich will wissen, was das Ziel ist. Aber eigentlich will ich es gar nicht wissen, ich will es nur unbedingt erfahren, erleben und ganz in mich aufnehmen.

 

Und ich bin ihm gefolgt, ich folge ihm immer noch. Deshalb gehe ich weiter. Manchmal ist es so wunderschön, denn es ist groß und erfüllend und es ist eine sehr heiliger Ort.

 

Und dann reißt es auf einmal Dinge mit hinauf, die so weh tun, sich dazwischen schieben und alles verdunkeln. Ich falle in wirres Wanken und Verzweiflung ist da und ich weiß nicht weiter. Was mache ich hier und wie überlebe ich das nur? Es kann so unerträglich sein an diesem Ort.

 


 

 Weil ich meinem Drängen aber erlaubt habe, mich in dieses Weitergehen zu drängen, weiß ich, dass es auch an diesem Ort der einzige Weg ist: Weitergehen. Das ist es, was dieser Drang in mir will, sein Ruf an mich. Und dann gehe ich wieder weiter. Wie schwer es auch fällt.

 

Ich gehe weiter, bis ich an eine Tür komme. Und wenn ich sie dann öffnen kann, begegne ich dort einer sehr ruhigen Achtung, einem tiefen Respekt vor mir und meinem Mich-dem-Schmerz-stellen. Das gibt mir in diesem Moment alles: Pause, Kraft. Ich finde den Mut. Ich trete heraus aus dem Leid. Hinein in etwas Neues, Verändertes. Und deshalb gehe ich weiter.

 

Und wenn ich wieder an so einen Ort komme, dann weiß ich um die Stärke des Weitergehens und wenn ich wieder an einen so einen Ort komme, dann weiß ich wieder und noch zuversichtlicher um die Stärke des Weitergehens und wieder öffnet sich eine Tür. Deshalb gehe ich immer weiter.

 

Ich gehe immer weiter: Es kommt immer ein Punkt, an dem sich eine Tür öffnet, es kann gar nicht anders. Ich muss nur weitergehen. Gehen. Soweit gehen bis eine Tür wieder da ist.

 

Und manchmal verrenne und verliere ich mich, weil ich denke, ich habe neue Wege gefunden, andere, viel bessere. Wege, die doch ganz eindeutig leichter sind, viel richtiger, und endlich die Wahrheit und endlich hab ich sie gefunden. Auch hier gehe ich weiter. Schnell und freudig und mit großen Schritten. Aber es kommt nie eine Tür. Nur wieder ein Ort.

 

Heute bin ich froh, dass ich es durchschauen kann, wenn ich mich in so etwas Türlosem verliere, das mich davon abhält meinen nächsten wirklichen Schritt wirklich zu gehen. Und wenn ich das erkannt habe, kann ich wieder wirklich weitergehen. Und deshalb gehe ich weiter.

 

Je weiter ich gehe, umso mehr Platz bekommt dieser Drang, der immer freudiger wird. Und er wird immer freudiger. Und da wo ich jetzt stehe kann ich schon sehen, wo dieses Weitergehen hinführt und wo es aufhören wird. Da ist nur noch freudiger Drang und ich höre seine vertraute Stimme, die dort kein Ruf mehr ist, sondern schallender Gesang. Nichts schiebt sich davor, nichts ist mehr im Weg, nichts drängt mehr weiter, nichts braucht mehr drängen. Nur große Freude, die den ganzen Platz, den ich ihr geschaffen habe selig überflutet, ihn ausfüllt, mich ausfüllt und darüber hinaus alles ausfüllt.

 

Und dann wundere ich mich. Und ich sehe, dass es ja nie wirklich gedrängt hat. Es war immer nur ich, die dagegen gedrängt hat.

 

Was ich wohl dahinter finden, wenn ich hier weitergehe? Ich weiß es nicht.

Deshalb gehe ich weiter.